Quelle: "Das Riesengebirge in Wort und Bild" 5. Jahrgang 1885

Über die ehemalige Holzflößerei im Riesengebirge
und
Caspar Nuß von Raigersdorf

von J. Böhm – Trautenau

– Fortsetzung –



Das Grabdenkmal von Casper Nuß (2006)

Unbekannt ist der Meister, welcher es schuf. Daß dieser aber tüchtig in seinem Fache war, seinen Geist an den Vorbildern der italienischen, französischen und deutschen Renaissance wohl gebildet haben mußte, das zeigt sein Werk, von dem wir eine Abbildung (des Kostenpunktes halber leider nur in Autographie) diesen Zeilen beischließen.

Trotz seiner Schönheit und Stilgemäßheit war das Kunstdenkmal aus der deutschen Renaissance in großer Gefahr vernichtet zu werden. Unter dem Vorgänger des jetzigen Herrn Pfarrers in Altstadt lagen die Trümmer von ihm in der Kirche und Sakristei umher, bis bei Renovierung des Gotteshauses (Ende der sechziger Jahre) der Hohenelber Staffierer Franz auf den hohen Kunstwert des Monumentes aufmerksam machte. Der gegenwärtige Herr Pfarrer bewog daraufhin eine Anzahl Ortsinsassen behufs Erneuerung des Denkmals 200 fl. zu spenden, wofür der erwähnte Franz das Mögliche that, um es mit möglichster Beibehaltung der ursprünglichen Polychromierung wieder jedem zugänglich zu machen, der den heiteren Gebilden der Kunst ein empfängliches Gemüt entgegenzubringen vermag.

Aufstrebend im Verhältnisse wie 1 zu 3 hat das Monument eine Höhe von fast 4 m / und eine geringste Breite von 1,25 m /. Seine Bekrönung bildet ein schöner erdachter, wohl angeordneter, durchbrochener, mit einem geflügelten Engelskopfe, dann mit Rosetten, Löwenköpfchen und Fruchtfestons geschmückter Aufsatz, welcher in seiner Mitte das in Hochrelief gearbeitete Wappen des Caspar Nuß von Raigersdorf enthält. Dieses zeigt zwei gegen einander gekehrte Reiherhälse mit den etwas nach abwärts geneigten Köpfen. Über dem Schilde zeigt sich ein bekrönter, offener Turnierhelm mit zwei Flügeln und einem zwischen sie gestellten Reiherhals mit etwas geneigtem Kopfe.

Die Bekrönung ruht auf einem ziemlich weit ausladenden Kranzgesimse mit zwei kurzen Wiederkehrungen. Der Architrav ist in Bezug auf den Fries sehr breit gehalten; es blieb daher, da weder Zahnschnitt noch Triglyphe angewandt wurden, ein Raum behufs Anbringung einer Tafel übrig. Diese findet sich zwischen zwei consolenartig gehaltenen, ein wechselvolles Relief darbietenden, mit Löwenköpfchen, Rosetten und Quästchen verzierten Verbindungsgliedern.

Die erwähnte Tafel trägt als Umrahmung einen Rundstab und folgende lateinische Inschrift in Antiquabuchstabenformen:

Nobilic his vili Casparus Nussins urna
Et Catharina Thoro consociata jacet.
Tribus ab Augustis praefecti hic auctus honore;
Haec Matronarum fama secunda fuit.
Corpora commendans terris, animas tibi, Christe!
Mutuns haeredum jure parentat amor.

P. M.
Carris Prent.
P. P.
Haeredes

Deutsch:
Hier ruht in einer unansehnlichen Grabstätte der edle Caspar Nuß und die ehelich angetraute Frau Katharina.
Er war unter drei Kaisern mit der Würde eines Präfecten (das Wort steht hier für Forstmeister) bekleidet gewesen;
sie war wie man weiß, seine zweite Frau.
Indem die gegenseitige Liebe der Erben nach dem ewigen Naturrechte die Leiber der Erde übergeben,
vertrauen sie Dir, o Christus! Die Seelen an.

Die rechtsstehende Bemerkung lautet vollständig:
Piae memoriae carissimorum parentum praemissis praenattendis Haeredes.
Deutsch:
Dem frommen Andenken der theuersten Eltern die gebührend, betitelten Erben.

Das Mittelstück des Denkmal´s zeigt die in Hochreliefs manier ausgeführte Verklärung Christi auf Tabor in quadratischer, ornamentierter Umrahmung; vor der unteren Einfassung menschliche Figuren in knieender Stellung, mit gefalteten Händen und in der charakterischen Kleidung des 16. und 17. Jahrhunderts dargestellt. Neun davon haben nahezu die gleiche Höhe von 25 c/m, eine , etwas weiter nach vorn kniend, ist beiläufig halb so hoch. Von der linken gegen die rechte Seite des Beschauers zu betrachtet bedeuten diese Gestalten: Hans, Wilhelm, Thimotheus, Andreas, Wenzel, seine Tochter Anna und seine Frau Katharina.[14]

Die Säulen des Mitteltheiles zeigen korinthische Capitäler, einen platten, im unteren Drittel mit einem gegliederten Wulste, dann mit Löwenköpfchen und kleinen Rosetten verzierten Schaft und einen, dem attischen nachgebildeten Fuß.

Hinter den Säulchen finden sich oben mit einem muschelförmigen Ornamente geschlossene Nischen, welche von zwei mit kleinen Halbkugeln und Rundstäbchen verzierten Leisten begrenzt werden.

Die Verengerung von dem friesartigen Gesimse zum Mitteltheile geschieht seitlich durch zwei einfach verzierte, consolenartige Träger, unter welchen zwei minder gelungene, fast nur in Hochrelief ausgeführte weibliche Gestalten angebracht sind. Die rechts vom Beschauer befindliche trägt in ihrer Linken einen Palmenzweig (Symbol des Friedens), die zur Linken in ihrer rechten Hand eine Rose (Sinnbild der Vergänglichkeit).

Die nun nach unten zu folgenden Theile sind dem Kranze (Deckel), Würfel und Sockel der Säulenordnungen nachgebildet; nur ist den Verhältnissen und der Bestimmung entsprechend der Würfel sehr schmal und der Sockel umgekehrt gehalten.

Die Verschmälerung des letztgenannten Gliedes zum Untertheile geschieht wieder durch konsolenartige einfach verzierte Träger, während als Stütze des Kranzes und der Säulchen entsprechend breit gehaltene, reich profilierte eigentliche Consolen benützt wurden. Zwischen denselben ist eine, stellenweise mit Einrollungen versehene Tafel angebracht, welche nachstehende, meist mit schönen Fracturbuchstaben dargestellte Grabschrift enthält.

"Anno domini 1606 den 24. Septembris zu Nacht zwischen 11 und 2 Uhr Starb in Gott Seliglich der Edle Ehrenvest Herr Caspar Nuß der Elter von Raigasdorff Röm. Kay. May. Haubtman und Forstmeister der hiegen Trautenauischen Dörfer und Gebürge, Als er in seiner Jüngerheit Kaiser Ferdinando dem I. Hochlöblichen und Seligster Gedächtnus zu Wien Bei der Nieder-Österreichischen Regelung erlich Und Hernach Kaiser Maximiliano dem II. Auch Christmildester Gedächtnuss, Sodann dem Jetztregierenden Römischen Kaiser Rudolpho dem Andern in die 36 Jahr continuel gedienet undt also in gedachten Diensten das 69. Jahr seines Alters erreicht. Als auch hierort Anno 1605 den 26. May die Edle Ehrentugentreiche Fraw Katharina Nußin Geborene von blawen Seine Eheliche Haufsfrav in Gott Selig Entschlaffen deren Leiber Allhier begraben, die Selen aber bei Gott Ruhen."

Unter der Grabschrifttafel ist der durchbrochene, mit Festons, Rosetten und Einrollungen geschmückte Abschluß befindlich, der in der Hauptare das in Hochrelief gearbeitete Wappen Catharinas von Plauen enthält. Dieses zeigt einen nach rechts gerichteten Löwen und eine bekrönte Säule, darüber einen gekrönten Tournierhelm mit zwei Flügeln.

Die klaren Ideen, welche in dem Denkmale verkörpert wurden, die harmonischen Formen, unter welchem es auf das empfängliche Gemüt des Beschauers wirft, machen es zur schönsten Zierde der Altstädter Kirche, der es noch recht lange erhalten bleiben möge.

Der gleiche Wunsch gilt auch von den drei Epitaphien, welche dasselbe Gotteshaus aufweist.

Eines davon, nach Größe (45 c/m lang, 42 c/m breit) und Ausführung ganz unbedeutend, enthält die Grabinschrift der Anna M. Nuß, verehlichte Mentner, oben ihr in Oel gemaltes Porträt, unten das Nuß´sche Wappen.

Die Inschrift lautet: "A. M. M. G. N. V. R. Ist alt geworden 17 Jahre. Im Ehestande hat sie gelebt 1 Jahr weniger 6 Tagen. Anno Christi: 1625 den 10. Octobris Früe umb 7 Uhr Starb in Gott Selig die Edle viel Ehrentugentreiche Fraw Anna Maria Mentnerin Geborn Nußin von Raigersdorff (siehe die obigen Buchstaben!). Deß Ehrnvesten Vornehmen Herrn Christoff Mentner von Pilnikaw Eheliche Haußfrav, deren Seelen Gott Gnädig sein; dem Leibe Selige Ruhe und fröhliche urstend zum ewigen Leben aus Gnaden verleihen wollt."

Die beiden anderen Renaissanceschilder dagegen sind wohl wert, daß sie neben dem publicierten Grabmonumentte Nuß´ einen Platz finden. Sie finden sich rechts und links von dem Denkmale ebenfalls an der nördlichen Wand der Altstädter Kirche angebracht.

Das auf dem oberen Theile der Papierfläche dargestellte hat eine wirliche Länge von 86 c/m und eine Breite von 74 c/m, und enthält in einem mit fünf Einrollungen, Feston, geflügeltem Engelskopfe, acht unter rechten Winkeln aneinandergesetzten, dreiseitigen Stäbchen und anderen zum Theile zierlichen Ornamenten geschmückte Rahmen links die in Oel gemalte Abbildung des Söhnchens Caspar Nuß jun., rechts die folgende kabbalitische Grabinschrift:

Epicedium Cabalisticum Nobiliss. Vin. D. Caspari
Nus junioris d Regersdorf etc. filiolj vitae placide
et beate defuncti, Natalis et obitus Annos, Menses, Dies
Nomenq. Arithmeticis Literis ostendens.
Nona erat aprilis Lux vitae janva Apriles
Tres ego non tetigi s Corpius an vetvit.
Altera prae Venit febr Vi lox festa, beata
Propter nos Soboles qva sVa Lata patri est.
Cara Abii Soboles es Patris AC Reqvies co Nota Vt SVnt
Abbae REs GERo Sic Donag Ve Recta Fero.

Das andere Epitaphium entbehrt in seiner Umrahmung des figuralen und pflanzlichen Schmuckes, weist aber dagegen zahlreiche und längere und kürzere Einrollungen auf, die ein wechselvolles Relief darbieten. Die in Wirklichkeit 1 m/ lange und eben so breite Tafel enthält links unter anderen acht in Oel gemalte Miniaturporträts der Kinder des Caspar Nuß, rechts unter der Aufschrift Chrono kai (Zeit- und Ortsbeschreibung) in griechischen Lettern, über deren Alter, Sterbeort u.s.w. Ihr Inhalt ist in der Zeichnung ersichtlich. –

Was schließlich die Altstädter Kirche bei Trautenau selber anbetrifft, so gehört dieselbe mit zu den ältesten der Gegend; denn bereits 1313 verlieh der damalige Burggraf von Trautenau, Johann von Wartenberg dem Hospitale der Kreuzherrn daselbst das Patronatsrecht über dieselbe. Ursprünglich dem heiligen Veit, später dem heiligen Wenzel geweiht, hatte sie wie alle Kirchen der Umgebung, in der 2. Hälfte des 16. und im Anfange des 17. Jahrhunderts protestantische Geistliche, unter denen im Jahre 1565 Melcher Thilesius genannt wird.

Das uralte, schmucklose Gebäude bietet äußerlich nichts Bemerkenswertes dar als 3 an der Außenseite des Thurmes eingesetzte roh bearbeitete Steinfiguren, wie solche alten romanischen und gotischen Bauten eigenthümlich sind. Die zwei menschlichen Köpfe deutet der geschäftige Mund der Volkssage als die Darstellungen Luthers und seiner Frau Catharina von Bora. Das 3. Steinmetzerzeugnis stellt einen Thierkopf dar.

Die innere Einrichtung der Altstädter Kirche entstammt mit Ausnahme der hölzernen, einfach gefügten und wenig ornamentierten und polychromierten Decke, der hölzernen Emporenbrüstungen, des uralten Taufsteines und der eisernen Sacristeithüre einer verhältnismäßig neuen Zeit. Hoch- und Seitenaltar, dann die Kanzel zeigen den Barock- und Rococcostil. Der Klang der größten Thurmglocke ist voll und majestätisch und hat in der Umgebung nicht seinesgleichen.


[14] Wegen dieser männlichen Gestalten und der freilich sehr dunklen Überlieferung von dem einstigen Wirken der beiden Caspar Nuß als Forstmeister, ist das Grabdenkmal den gewöhnlichen Bewohnern Altstadts unter dem Rahmen "Forstmannla" (Forstmännchen) bekannt

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